Das Erdbeben in den Abruzzen – Tagebuch von Anna Teil 2

Tagebuch vom 16. Januar bis 25. Januar 2017: Nachdem uns das Erdbeben in den Abruzzen mit seiner Rückkehr in Angst und Schrecken versetzt hat, passierte etwas merkwürdiges: Wir waren nicht mehr länger im 21. Jahrhundert.

Es war wie in einem Film: fast wirkte es, als wären wir in ein vergangenes Jahrhundert zurückversetzt worden. Und überall war Schnee. Wir hatten kein Licht, keine Heizungen, nicht einmal fließendes Wasser. Alles war einfach nur weiß. Dann wurde es Abend, und alles weiße wurde schwarz. Auch die Kerzenlichter konnten die Dunkelheit nicht vertreiben.

Sieben Uhr am Morgen, aber ich hatte das Gefühl es sei Abends. Ich konnte das Fenster nicht öffnen, denn es waren mindestens eineinhalb Meter Schnee. Der dritte Tag ohne Elektrizität! Der dritte Tag in einer längst vergangenen Zeit. Es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben. Diese Illusion kam von den 50 Zentimetern Schnee, die pro Nacht herbei geweht wurden. Einzig und allein ein batteriebetriebenes Transistorradio war unsere Verbindung zum Rest der Welt: “an hour tonight smooth here at Radio ‘Ciao'”. Wir zündeten in dieser Nacht zwei weitere Kerzen an um etwas Licht zu haben. Es war mein Geburtstag. 23 Jahre unter Null.

Es wurde immer kälter und kälter, aber wenigstens das Feuer spendete uns weiterhin Wärme. Das Feuer würde wenigstens nicht von einem Tag auf den anderen aufhören zu brennen. Das Holz brannte eher noch lebendiger.

Erdbeben in den Abruzzen: Gänse laufen über Schneedecke.
Die Gänse fliehen über den Schnee.

Zeit im Gefängnis

Die Zeit in diesem Gefängnis neigte sich ihrem Ende zu. Der Schnee war immer noch da, doch ein neuer Tag begann. Aber er war nicht wie die letzten Tage. Wir waren guter Hoffnung, draußen gab es Unterstützung in Form von Kerzen, Generatoren und andere Lebensnotwendigkeiten. ‘Entfernt den Schnee! Entfernt den Schnee!’ Es war viel zu viel für nur vier Arme, selbst für sechs wäre es zu viel gewesen. Wir saßen in der Falle.

Die Telefone hatten immer noch keinen Empfang. Das ständige “Ring Ring Ring” und “Düdel Dü” waren keine gewohnten Geräusche mehr. Doch das IPhone meiner Mutter hatte die Katastrophe tatsächlich überlebt. Und so keimte wieder Hoffnung auf…

Ich rief Michaela an und sie sagte zu dass sie kommen würde. Mit nun schon acht Armen wurde die Wand schließlich immer kleiner und kleiner.

Als wir nach der ganzen Zeit zurück in die richtige Welt kamen wurde uns bewusst, dass Gefangenschaft vielleicht gar nicht so schlecht war. Wir brauchten einen Generator für Strom, und Benzin. Durch die enorme Nachfrage an diesen Dingen waren die Preise sehr hoch. Aber so werden die Leute nun mal reich: durch jemand anders Unglück. Aber das was passiert ist, ist passiert, und es wird für immer in unserer Erinnerung bleiben. Von hier kann man nur nach vorn schauen.

“Es ist also genau hier, wo der Anstieg beginnt. Was für eine fantastische Geschichte das Leben doch ist.” (Italienischer Song)

Wenn du all deine Arbeit mit einem Mal vernichtet siehst, was machst du dann? Wenn der nächste Sommer nicht mehr wäre wie die alten und etwas komplett Neues bringen würde? Wenn die Ressourcen begrenzt sind und die Bedürfnisse hoch?

“Hallo Massimo, wie geht es dir?”, “Wir kriegen das schon irgendwie hin”, “wie geht es deinen Kindern?”… Bei jedem Klingeln fragten Freunde nach uns. Sobald du nun an einem Haus vorbei läufst seid ihr Freunde, denn jeder hilft dem anderen, und so entstand ein Netzwerk das stärker war als ein Erdbeben oder eine Katastrophe.

Erdbeben in den Abruzzen und nichts als Schnee.
Überall nichts als Schnee.

Viele Menschen riefen an oder schrieben uns, und boten ihre Hilfe an. Diese Wärm’ schmolz das Eis und die Bitterkeit der letzten Tage weg. Aber ist das genug um Baronetto zurück zu seiner alten Pracht zu verhelfen? Ich will am liebsten alles hinter mir lassen! Aber wenn ich bleibe, was passiert dann? Ist es möglich, dass ein Schaden zur Chance wird? Wir starteten voller Ideen und mit viel Enthusiasmus, und jetzt ist alles was bleibt ein einziges Desaster und Probleme.

Dennoch ist da irgendwo ein Licht. Je näher ich komme, desto mehr Hoffnung sehe ich. Wie oft haben wir schon über Verbesserungen geredet? Jetzt kann ich sie sehen. Hier offenbart sich die Hoffnung. Ich kann sie sehen, sie hätte sich uns schöner zeigen können, auf einem anderen Wege, der besser für unser Haus gewesen wäre.

Ein Haus, unser Haus, welches nach 12 Jahren wieder geheilt werden will. Es tanzte ‘tip-tap’ zum Rhythmus der bebenden Erde. Es trug die schwere Decke, die der Januar uns gebracht hatte. Es hat alles ausgehalten, hat die Feuerstelle nicht einbrechen lassen, die uns mit der Wärme versorgt hat welche uns die Elektrizität verweigert hatte. Ein solches Haus hat es verdient von seiner Familie wiederbelebt zu werden, und wieder Freunde und Gäste zum empfangen, die noch nicht hier gewesen sind.

Weil genau das die Stärke von Casale ist: wenn es steinig wird, dann klettern wir hinauf und genießen die Aussicht!

Was in Teil 1 geschah kannst du hier nachlesen.

2 thoughts on “Das Erdbeben in den Abruzzen – Tagebuch von Anna Teil 2

  1. welches Casale ist das? das Casale wenig unterhalb von Penne? Ich habe ähnliche Dinge erlebt, 9 Tage ohne Strom, 4 Grad im Haus, Berge von Schnee, 2 Arme zum schippen, kaputte Scheunen uvm…
    Ich lebe dort.
    Liebe Grüße! Tomas

    1. Lieber Tomas,
      Ja genau, das müsste es sein. In Castiglione Messer Raimondo. Das ist unvorstellbar was dieses Erdbeben angerichtet hat. Wie geht es Euch mittlerweile?
      Danke für den Kommentar dazu!
      Liebe Grüße

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