Mein Leben in der Maremma – Auswandern ins Herz der Toskana

Weinberge Sant Eufemia

‘Vroni’ ist ein richtig bayrisches Mädel – bis sie ihrer Leidenschaft zu Italien endgültig nachgibt und für unabsehbare Zeit ins Herz der Maremma Toskana zieht… Lasst Euch von ihrer Begeisterung anstecken und verliebt Euch ebenso ein bisschen in diese zauberhafte Landschaft…

“Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu überleben”–Hermann Hesse

Mein Name ist Veronica, mein bayerischer Spitzname lautet Vroni, welchen ich mir als gebürtige Oberbayerin doch sehr gerne erhalte. Heute werde ich 25 Jahre alt und werde den wohl bisher größten Schritt meines Lebens tun. Ich entscheide mich dazu, mein geregeltes  Leben hier in Deutschland gegen ein Leben im wilden Westen Italiens einzutauschen. Die Maremma Toskana ist eine Region im Süden der Toskana und für mich die schönste Region Italiens. Ihre Landschaft, die versteckten Ortschaften, die Natur und dort lebenden Tiere, das Essen, der Wein sowie die Vielfältigkeit der dort lebenden Menschen – besonders eines Menschen – hat mich so verführt, dass ich nun dabei bin, die Zelte in Stuttgart abzubrechen, um eine neue Stufe meines Lebens zu beschreiten.

Nur wie kommt jemand der gerade sehr erfolgreich seinen Bachelor in Gebäude-, Energie- und Umwelttechnik gemacht hat und derzeit einen Master macht dazu, einfach in die Toskana auszuwandern?

Was zuletzt geschah…

Seit ich denken kann, trage ich eine Sehnsucht nach Italien in mir. Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen, dass mein Vater mit mir und meiner Schwester irgendwann nach Italien auswandern wird. Es war eigentlich klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis alle Karten richtig gelegt sind und ich meine Reise in den Süden beginnen kann.

In der Maremma Toskana

Aufgewachsen bin ich in Mittenwald (tiefstes Oberbayern an der Grenze zu Österreich). Von Mittenwald aus sind wir regelmäßig mit dem Auto oder Wohnmobil an den Gardasee gefahren und hatten schöne Ferien. Im Laufe der Zeit sind wir weiter in den Süden Italiens gefahren und haben einige schöne Ecken der Toskana erobert. So wuchs mit der Zeit der Traum meines Vaters, mit uns nach Italien auszuwandern und er begann die Suche nach einem passenden Ort. Als er im Norden der Toskana im Gebiet um Florenz und Pisa herum nicht fündig wurde, beschloss er auf Rat eines Bekannten hin sein Glück in der Maremma. Vor über 16 Jahren fanden wir dann ein wunderschön gelegenes altes Bauernhaus auf einem Hügel in den Tiefen der Maremma Toskana. Als Kind habe ich oft gesagt, dass an diesem Ort mein Herz schlägt: für mich ist dieses Stückchen Land das Schönste der Erde.

Ausblick in der Maremma Toskana

Es ist diese Art Wildnis, die unberührte Natur, die Form der Landschaft, die Farben, die Gerüche, was mir so eine Wärme ins Herz zaubert. Es ist nicht wie im restlichen Teil der Toskana oder im Umland von Florenz und Siena. Dort in der Maremma gibt es nahezu keine Umweltsünden, keine große Industrie oder Energieerzeugungsanlagen und die Landschaft ist kaum mit Häusern verbaut, da es sehr schwer ist, Genehmigungen für einen Neubau zu bekommen. Es wird somit hauptsächlich dort gebaut, wo schon etwas davor stand. Die meisten Menschen leben in der Maremma von der Landwirtschaft und das merkt man auch. Die Einstellung, welche die Einheimischen ihrer Umwelt gegenüber haben und diese auch schützen, unterscheidet sich von uns Deutschen. Sie sind bodenständig und wissen, auf was es im Leben ankommt. Gesund zu sein, gutes Essen, guter Wein und Geselligkeit sind die Dinge, die an oberster Stelle stehen.

Zunächst hatte mein Vater nur das Haus und etwas Land rund herum gekauft. Doch nach etwas Zeit vergrößerte sich die Grundfläche. Das anfangs kleine Stück Land wuchs zu einem 100 ha großen Landstück an, welches neben seinem großen Waldbestand eine große Fläche zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung umfasst. Nach einigen Überlegungen entstand die Idee, die freiliegende Fläche zu einem Rebberg zu verwandeln. So begann im Jahr 2005 die Vorbereitung für die Entstehung eines Weinbergs. 2007 und 2008 wurden die Rebstöcke des nun 28 ha großen Rebbergs gepflanzt und 2009 konnte der erste Herbst eingeläutet werden.

Weinberge in der Landschaft der Maremma Toskana

Die Schulferien verbrachten wir sehr oft in Italien und konnten so miterleben, wie aus der Idee unseres Vaters Wirklichkeit wurde. Oft verbrachten wir mehrere Wochen im Sommer bei einer guten Freundin in der Nähe von Semproniano. Dort erlebten wir eine besondere Herzlichkeit und das italienische Lebensgefühl.

Für mich entstand eine tiefe Liebe zu den Weinbergen meines Vaters und ein starkes Interesse zu lernen, wie die Weinerzeugung funktioniert. So zog es mich nach Stuttgart, um dort eine Ausbildung zur Weinküferin (heute Weintechnologin) zu machen. Natürlich finde ich die Arbeit im Weinberg auch sehr interessant und sie legt die Grundsteine des Weines, aber die Arbeit in der Weinerzeugung hatte für mich immer einen größeren Reiz. Jemand der Trauben zu Wein verwandelt, diesen noch durch Können und Wissen gekonnt ausbaut, ist für mich ein Künstler. Jeder Wein trägt den Handschliff des Erzeugers und drückt aus, für was dieser steht. Ob jemand ordentlich, feinfühlig, leidenschaftlich und mit ganzem Herzen bei der Sache war, schmeckt man am Ende.

Danach entschied ich mich dazu, etwas technisch anspruchsvolles zu studieren, um ein zweites Standbein zu haben, und schrieb mich für den Studiengang Gebäude-, Energie- und Umwelttechnik an der Hochschule Esslingen ein. Im Juli 2016 bin ich damit fertig geworden und baue auf diesen derzeit den Master Energiesysteme und Energiemanagement auf. Ich bin sehr froh darüber, das ich meinen Horizont durch mein Studium erweitert habe. Wer weiß, vielleicht kann ich irgendwann unsere Kellerei planen und bauen.

Ein Traum: in der Maremma Toskana leben

Farbenfrohe Maremma Toskana

Über Silvester des letzten Jahres (15/16) bin ich mit meinem Vater nach längerer Zeit wieder in die Toskana gefahren. Als ich mit ihm unser Grundstück hinauf gelaufen bin und meine Liebe zu diesem Fleckchen Erde wieder hoch kam, entstand in mir die Idee, dass ich in den Semesterferien zwischen Bachelor- und Masterstudium eine längere Zeit in der Maremma Toskana sein möchte und dort während der Weinlese mithelfen will.

Seit 2012 hat mein Vater eine Kooperation mit der Familie eines benachbarten Weinguts. Der jüngste Sohn ist seit geraumer Zeit verantwortlich für unseren Weinausbau und die Bewirtschaftung der Weinberge. Er hatte uns zur Silvesterfeier 2015/16 zu sardischen Freunden eingeladen. Es war ein Silvester, welches ich wohl nie mehr vergessen werde. An diesem Abend hatte ich mit dem Sohn ein Gespräch über das, was mein Vater sich die letzten Jahre aufgebaut hatte: welches Glück ich habe, dass ein solch spannendes und schönes Projekt auf mich wartet… So wuchs der Gedanke, im Sommer nach meinem Abschluss mehrere Wochen auf dem Weingut mitzuarbeiten. Und Schwupdiwup kam der August. Irgendwie wusste ich, dass die kommenden Wochen mich verändern würden und hatte eine innere Unruhe und Vorfreude in mir. Aber ich hätte nie gedacht, dass sich mein Leben nach diesen sechs Wochen komplett auf den Kopf stellen wird. Das wohl schönste im Leben ist, wenn etwas Unerwartetes eintritt und sich als ein lebensveränderndes Geschenk entpuppt.

Landschaftlich reizvoll: Maremma Toskana

Die erste Woche kam eine sehr gute Freundin mit mir in die Maremma Toskana, bevor ich damit anfing, richtig mitzuarbeiten. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, in der ich ihr den Naturpark in der Nähe von Alberese, Scansano, Grosseto und Castiglione della Pescaia zeigte. Der Alltag auf dem Weingut kehrte ein und als dann der Herbst anfing, begann eine wunderschöne Zeit. Man hat während der Weinlese das Gefühl, bei der Entstehung von etwas ganz Neuem dabei zu sein. Ein Teil davon zu sein. Das Licht, die Gerüche und der Geschmack der ausgereiften Trauben ist einfach unbeschreiblich. Dazu kommt noch die gute Stimmung aller und das Gemeinschaftsgefühl. Und natürlich das italienische Essen.

In dieser Zeit lernte ich den ältesten Sohn der Familie besser kennen. Er zeigte mir einen wunderschönen Strand in der Nähe von Rocchette, ging mit mir zum Eselrennen nach Campagnatico, zu einer tollen Weinprobe rund um Scansano, kochte für mich unglaublich leckeres Essen, spazierte mit mir bei Vollmond über unser Grundstück und wir hatten viele schöne Augenblicke. Ich genoss es, neben dem Arbeiten auf dem Weingut eine schöne Zeit mit vielen Eindrücken zu haben und einen sehr liebenswürdigen, spannenden und vielschichtigen Menschen näher kennen lernen zu dürfen. Die Zeit, in der ich unten war, hatte etwas sehr besonderes für mich. Ich habe die unterschiedlichsten Menschen kennen gelernt. Aber insbesondere habe ich mich in das naturverbundene Lebensgefühl verliebt. Kurzzeitig hatte ich das Gefühl, dass ich gar nicht mehr nach Deutschland zurückkehren möchte.

Rückkehr nach Deutschland…?

Momente Maremma Toskana

Als ich am Semesterbeginn zurückgefahren bin, ging es mir schlecht. Auch wenn ich wusste, dass ich im November eine Woche zur Olivenernte wieder in die Maremma Toskana zurückkehre. Die ersten Wochen in Stuttgart waren eine Qual für mich. In Stuttgart war es kalt, das Essen schmeckte nach nichts, ich hatte Fernweh, vermisste die Familie des Weingutes, die Freundschaften, die ich geschlossen hatte. Ich fühlte mich alleine. In den sechs Wochen in der Maremma hatte ich ständig mit vielen Menschen zu tun, es war immer ein buntes Treiben, egal wohin man ging. Dort musste ich mir bewusst Zeit für mich selbst nehmen. Wieder in Stuttgart war alles ganz anders. Und noch dazu vermisste ich ihn. Ständig drehten sich meine Gedanken darum, wie man unserer Beziehung eine richtige Zukunft geben kann und welche Möglichkeiten es für mich in der Maremma Toskana gäbe. Unterbewusst war mir klar, dass Stuttgart nicht der Ort sein würde, an dem ich länger bleiben wollte. In mir wuchs der Wunsch nach einem Umbruch.

 

Wunsch nach einem Umbruch – wo und wie will ich leben?

Es kam die Prüfungszeit – eine zähe Zeit – und in dieser Zeit habe ich sehr viel nachgedacht. Ich habe mich in Stuttgart wieder sehr unwohl und einsam gefühlt. Eine sehr gute Freundin von mir hatte in dieser Zeit sehr viel Geduld mit mir. Immer und immer wieder hatte sie mir zugehört und mit mir sämtliche Szenarien durchgespielt. Ich bin ihr unglaublich dankbar dafür, dass sie mir immer wieder richtige Denkanstöße gegeben hat. Auch wenn sie mich dadurch in die Maremma Toskana ziehen lassen musste.

Für mich stand der Entschluss fest, nach Italien zu meinem Freund zu ziehen. Aus vollster Überzeugung kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung ist, meinem Herzen zu folgen. Ich habe in der Maremma einen Ort gefunden, an dem ich einen sehr besonderen Menschen liebe. Ich habe einen Lebensraum gefunden, an dem ich mich zu Hause fühle und sich die Natur von ihrer schönsten Seite zeigt.

So werde ich nun mit Abschluss der letzten Prüfungen meine Zelte abbrechen und von Stuttgart in die Maremma Toskana ziehen.

Eine tiefe Zufriedenheit erfüllt mich in der Maremma Toskana

Wem geht es noch so wie Vroni, und hat sich von der italienischen Landschaft bezaubern lassen? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Erzählt uns Eure Geschichte in den Kommentaren!

Die Maremma entdecken könnt ihr auf eigene Faust zum Beispiel in Semproniano, ganz in der Nähe wo auch Vronis Geschichten entstanden sind. Hierhin laden euch Enrico und Angela in ihr “Haus im Dorf” ein, ein kleines aber faszinierendes Hotel, bei dem jedes Zimmer unter einem anderen Thema steht. Von dort aus könnt ihr Vroni und ihrem Weingut direkt einen Besuch abstatten! :)

Ein Gastbeitrag von Veronica Sprenger – veronica.sprenger@yahoo.de

One thought on “Mein Leben in der Maremma – Auswandern ins Herz der Toskana

  1. Liebe Vroni was für eine schöne Geschichte … und ich war ein Teil von ihr…. kann mich noch erinnern wie ich Euch das erste Mal mit dem Camper getroffen habe …, wir uns erste Objekte angeschaut habt … und wie du hier ein paar Sommer bei mir in Semproniano verbracht hast.
    Schön, dass du bald maremmana wirst … a presto cara

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