Selbstfindung- auch Unternehmen suchen nach dem Selbst

hölzerne brücke führt in die Natur

Wir nutzen die Chance des Jahreswechsels, um gemeinsam mit euch das letzte Jahr Revue passieren zu lassen. Ein persönlicher Rückblick, in dem wir euch einen Einblick in die Achterbahnfahrt der Gefühle und Prozesse der Selbstfindung geben, die wir während unserer ersten Zeit der Unternehmensgründung mit amavido erleben.

Das Jahr stellen wir euch in sechs Teilen vor, jeweils von einem unserer Teammitglieder aus seiner eigenen Perspektive geschrieben:

  1. Selbstfindung
  2. Die Crowdfunding-Aktion
  3. Erste Erfahrungen mit unseren Reisenden
  4. Erste große Reise zu den neuen Hosts
  5. Die Investorensuche
  6. Das Erwachsenwerden von amavido

Selbstfindung

(Autor Dominik)

Das Jahr 2016 war für amavido und uns ein Entwicklungsjahr. Es war zum einen der Test, ob euch unser Projekt interessiert und das Projekt in der Realität bestehen kann. Zum Anderen ging es ums eigene Erwachsenwerden, um das Verstehen, dass zwischen eigener Wahrnehmung und der Realität oft ein großer Unterschied existiert. Oder auch darum, dass man manchmal, um etwas zu erreichen, Umwege gehen muss und eigene Werte zumindest für einige Zeit hinterfragen und sich neu sortieren muss. Oder dass bestimmte Sachen einfach ihre Zeit brauchen, und dass man Rückschläge als Möglichkeit zum Wachsen sieht, anstatt als Schicksalsboten. Und schließlich um das Thema Geld und allem was es mit einschließt.

Im Juli 2015 gründeten wir als das Unternehmen amavido, etwas mehr als zwei Jahre nach den ersten Überlegungen zu dem Projekt. Wir gründeten mit sieben Gründern, aus verschiedenen Ländern, Disziplinen und Lebensphasen. Vereint von einem Traum, der wunderschön naiven Energie von Kindern, und vielleicht etwas zu wenig erwachsener Weitsicht. Wir waren uns einig, dass alle gleich viel wert sind, also dass jeder gleich wichtig für das Unternehmen war. Daher sollten alle die gleichen Anteile daran haben und die gleichen Mitspracherechte. So stürzten wir uns in die Unternehmung.

Gründen in Teilzeit

Zu Beginn arbeiteten wir alle in Teilzeit an amavido, die meisten von uns hatten ihre festen Jobs, waren in diversen Projekten involviert oder studierten noch. Jeden Mittwoch hatten wir ein Meeting, alle etwas müde, nach einem langen Arbeitstag, und mit verrauschtem oft stockenden Skype-Meetings (Skype ist bis heute unser liebster Feind…). Alles ging sehr langsam, und auch die Suche nach einem geeigneten Entwickler gestaltete sich als sehr schwer. Da alle mitsprechen konnten, hatten wir das Ideal von einer Demokratie mit vielen unterschiedlichen Sichtweisen in unseren Entscheidungen.

Leider ging dadurch aber auch alles sehr langsam, da sich alle für alles verantwortlich fühlten und sich so nur sehr schleppend ein Stil entwickeln konnte. Der Ansatz “alles und alle sind gleich” hatte ein weiteres Problem: Diejenigen, die mehr arbeiteten fühlten sich irgendwann ungerecht behandelt gegenüber denen, die nicht mit aller Energie beim Projekt waren. Auf Dauer wirkte sich das auf unsere Motivation aus und brachte Unruhe ins ganze Team.

So startete Ende 2015 ein Prozess, der sich noch bis tief ins Jahr 2016 zog. Nämlich die Selbstfindung und Neufindung des Projekts und des Teams. Bereits Anfang 2016 gingen so bereits zwei Gründer, und im weiteren Verlauf folgten zwei weitere. Wir sind alle größtenteils im Guten auseinander gegangen, wenn auch natürlich viel Energie, Zeit und letztendlich auch Geld dafür drauf ging.

Über die natürliche Dauer von Dingen

Wir haben oft darüber nachgedacht, was da genau passiert ist, und wie und ob wir es hätten besser machen können. Rational betrachtet kann man sagen, dass wir die Arbeit und die natürliche Dauer von Dingen unterschätzt haben, verknüpft mit dem Umstand, wenn niemand wirklich Vollzeit für ein Projekt arbeiten kann. Wir hätten bessere Vorgespräche führen und die Ziele genauer und realistischer formulieren können.

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Menschen einfach nicht gleich sind: Alle gleich zu behandeln kann manchmal genauso ungerecht sein, wie wenn die Unterschiede der Behandlung zu groß sind. Es geht immer auch um den Kontext und die Balance. Die Vision empfinden wir noch immer als einen guten Ansatz, aber der Zeitpunkt war falsch gewählt. Um so ein “Konstrukt” zu realisieren, braucht es große Reife und Erfahrung bei allen Teilnehmern, viel Kommunikation, Verständnis und Respekt in der Gruppe, und Menschen die eine ähnlichen Vision zu sich selbst, ihrer eigenen Arbeit und dem Projekt haben.

Effizienz ist nicht alles

Andererseits kann man einfach nicht alles wissen. Man kann es zwar lesen oder von Anderen erzählt bekommen, trotzdem ist es etwas anderes, wenn man es ausprobiert und die Vor- und Nachteile des Handelns am eigenen Leib erlebt. Bestimmt ist es auch ein wenig, wie Einstein es formuliert: “Es gibt zwei Arten sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines. Ich glaube an Letzteres.” – Das Wunder also, dass sich Menschen treffen, eine Weile begleiten, voneinander lernen und dann wieder auseinandergehen, wie Planeten in einem Sonnensystem, sich umkreisen, parallel nebeneinander fliegen und sich dann wieder lösen. Es zieht sich an oder stößt sich ab, alles ist in konstantem Wandel.

Vielleicht versuchen wir Menschen manchmal zu sehr, die natürlichen Bewegungen mit Kraft beeinflussen zu wollen, versuchen zu trennen was eigentlich zusammen gehört oder etwas zusammen zu halten, was eigentlich auseinander strebt. Viel basiert heute auf Verträgen, klobigen Rechtskonstrukten oder falschen Erwartungen. Dies hat alles auch seine Berechtigung, zu oft habe ich jedoch das Gefühl, dass Menschen (mich eingeschlossen) gerne Probleme bedenken und formalisieren, um einmal eine Lösung zu finden und später nicht mehr darüber nachdenken zu müssen.

Gerade bei menschlichen Beziehungen und auch bei vielen anderen Themen stößt dies jedoch an seine Grenzen, da in Wahrheit jede Situation ihre Eigenheiten hat. Das widerstrebt natürlich dem Effizienz-Gedanken und macht alles komplizierter und weniger wirtschaftlich, ist aber möglicherweise wahrer.

Das dauert ja alles viieel zu lange- oder?

Ein weiteres wichtiges Thema, das uns während des Prozesses und bis in den heutigen Tag begleitet hat, ist das Thema der “Geduld”. Es scheint, dass wir und unsere Generation die Geduld bereit von Anfang an verloren haben. Die Tatsache, dass viele Dinge einfach ihre Zeit brauchen, was für Unternehmen und Projekte genauso gilt wie für Beziehungen.

Sicherlich sind wir daran nicht alleine Schuld. Die sofortige Befriedigung unserer Bedürfnisse bestimmt immer mehr das heutige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Viele Anbieter unterbieten sich in der Lieferzeit ihrer Waren, alles steuert auf einen Schlaraffenland-ähnlichen Status zu: Das Objekt der Begierde immer und zu jeder Zeit zum Greifen nahe.

In wenigen Jahren soll es bereits möglich sein, Organe per 3D-Drucker zu drucken. All das hat nicht von der Hand zu weisende Vorteile. Gleichzeitig verschleiert diese Entwicklung den Prozess des Wachsens und Entwickelns, den jeder Prozess in der Natur wie in menschlichen Prozessen inne hat. Mit all den Rückschlägen und Wirrungen, die es bei jeder Entwicklung einschließlich großer Erfindungen und Unternehmungen gab.

Es ist daher verständlich, dass es uns heute immer schwerer fällt, den Dingen die Zeit zu geben, die sie eigentlich bräuchten. Stattdessen machen wir uns oder den Dingen Vorwürfe, wenn etwas nicht schnell genug geht. Oder geben es gar frühzeitig auf, da wir denken, die Zeit und Mühe, die wir investiert haben, wäre dem Ergebnis in keinster Weise würdig.

Der Bambus als Sinnbild

Zu dem Thema im weiteren Sinne gibt es ein interessanten Vortrag von dem Philosophen Richard David Precht sowie einen Beitrag warum Geduld bei der Gründung eines Unternehmens so wichtig ist. Gerade die Natur zeigt uns zum Beispiel in verschiedenen Formen, dass auch starkes Wachstum manchmal nicht direkt sichtbar ist. Wie beispielsweise der Bambus:

Nach seiner Aussaat sieht man vom chinesischen Bambus fünf Jahre lang nur einen winzigen Sprössling. Das Wachstum findet unter der Erde statt. Eine komplexe Wurzelstruktur wird geschaffen, die sich horizontal und vertikal im Boden ausbreitet. Doch am Ende des fünften Jahres beginnt der chinesische Bambus in die Höhe zu wachsen, bis er fünfundzwanzig Meter erreicht hat. Mit vielen Dingen in unserem Privat- und Berufsleben verhält es sich wie mit dem chinesischen Bambus.

Man arbeitet, investiert Zeit und Kraft, tut alles, um das eigene Wachstum zu fördern, und manchmal sieht man wochen-, monate-, jahrelang nichts. Aber wenn wir die Geduld aufbringen, immer weiter zu arbeiten, dann kommt auch unser fünftes Jahr, und mit ihm kommen die Veränderungen, die wir niemals erwartet hätten. Es braucht Mut, um in die Höhe zu gelangen, aber zugleich auch viel Tiefgang, um sich im Boden zu verankern.” (Auszug aus dem Buch Aleph von Paolo Cohelho)

Die wichtigste Nebensache der Welt- Umgang mit Geld

Als letzten Aspekt dieses Artikels wollen wir auf das Thema eingehen, um dass sich seit es Gesellschaften gibt so viel dreht, und das Erich Kästner zwar nicht als “die Hauptsache, aber die wichtigste Nebensache” beschreibt; dem Geld (aus “Der kleine Mann” – Erich Käster). Bezogen auf unser Thema hängen die Möglichkeiten oder Motivationen, ein Unternehmen zu gründen oft sehr von dem Hintergrund und der Herkunft der jeweiligen Person ab.

Es braucht neben Risikobereitschaft und vielem anderen eine gewisse finanzielle Freiheit, um sich selbstständig zu machen, da es oft mehrere Jahre dauern kann, bis ein Unternehmen wirklich stabil ist. Wie waren also sieben Gründer, die zu Beginn alle nur Teilzeit für amavido arbeiten konnten. Dabei wäre es ja eigentlich gut, wenn die Unternehmung so schnell wie möglich stabil ist und Umsatz generiert, so dass die Gründer sich auszahlen und ihre ganze Zeit in das Projekt investieren können.

Aufgrund unserer Situation blieb amavido immer an zweiter Stelle. Und so beißt sich manchmal die Schlange in den eigenen Schwanz. Man kann nicht so viel Zeit aufwenden wie nötig wäre, somit dauert alles länger, es kommt weniger Geld rein, die Motivation im Team sinkt und so weiter… Da wir provisionsbasiert arbeiten ist alles nochmals komplizierter. Wir müssen eine relativ hohe Anzahl an Buchungen pro Monat realisieren, um genug Geld zu erwirtschaften für Mitarbeiter (und natürlich irgendwann uns Gründer).

Aufbruch

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, mussten wir Geld auftreiben. Wir versuchten, Investoren zu finden und hatten auch einige Treffen, die aber alle erfolglos verliefen. Wir hatten damals einfach noch nicht genug Markterfahrung und Kompetenzen gesammelt, um dafür bereit zu sein. So verdichtete sich immer mehr die Idee, eine Crowdfunding-Aktion zu realisieren. Eine solche Aktion hatten wir bereits für andere Projekte gemacht.

Die Idee war, durch die Aktion Menschen auf uns aufmerksam zu machen sowie finanzielle Mittel zu gewinnen. Mit diesem Puffer könnten wir erste Mitarbeiter bezahlen und so gestärkt nochmals auf Investorensuche gehen. Also begannen wir, begleitet von den vorher erwähnten Veränderungen im Team und den damit einhergehenden rechtlichen und privaten Herausforderungen, die Kampagne zu planen. Wie es uns hierbei ergangen ist, erzählt euch Marie-Janet im nächsten Post.

Euer Dominik von amavido

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Quellen:

3D Drucker: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/biotechnologie-3-d-drucker-sollen-organe-erstellen-a-889660.html

Vortrag Precht: https://www.youtube.com/watch?v=7PgQ4YxbKWk

Beitrag zur Geduld: http://karrierebibel.de/7-wahrheiten-ueber-das-selbststaendigsein-die-einem-keiner-sagt/

http://karriereblog.svenja-hofert.de/2013/12/10-jahre-wie-nichts-so-lange-dauert-es-wirklich-zu-gruenden/

Paolo Cohelho: http://www.wz.de/home/kultur/buch/aleph-paulo-coelho-auf-sinnsuche-1.864395

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