Das Erdbeben in den Abruzzen – Tagebuch von Anna Teil 1

Erdbeben in Abruzzen

Es war ein totales Blackout in Casale. Alles war dunkel…

Am Tag des Erdbeben hier in den Abruzzen erhob ich mich von meinem Bett mit dem Gefühl, nur wenige Stunden geschlafen zu haben. Die Uhr zeigte 9:30 Uhr an. Ich ging im Pyjama hinunter in die Küche, öffnete die Tür und eine Eiseskälte kam mir entgegen. Ich ging näher zum Kamin. Das Feuer wärmte mich auf, und im Kessel auf dem Ofen kochte Wasser. “Wie herrlich!”, dachte ich. Eine Tasse Warme Milch und dazu ein Schoko-Muffin, den meine Mutter gebacken hatte. Lillo setzte sich zu mir und wünschte mir mit seinem zahnlosen Lächeln einen guten Morgen. Es war eigentlich ein ganz typischer Morgen.

Jemand rief: “Anna, es ist komplett dunkel! Hast du gesehen wie viel Schnee liegt?! Das hast du dir doch zum Geburtstag gewünscht!” Der Januar schenkte mir oft eine Schneedecke. Während ich vor mich hin träumte, begann unser Gänserich Leopoldo draußen zu schnattern wie ein Verrückter, und dann Gertrude und auch der Rest ihrer Gänse-Freunde. Wir gingen raus um zu sehen was los war. Die Gänse waren aus ihrer kleinen Unterkunft im Garten ausgezogen… Wie war denn das passiert? Sogar unser Hund war verwirrt. Der Schnee hatte sich wie eine schwere Decke über das Land gelegt. So hoch, dass die Enten darüber bis zum oberen Fenster laufen konnten.

Schneedecke_Italien
Die Gänse konnten über die dicke Schneedecke bis ans Fenster laufen.

Diese absurde Situation brachte uns wirklich zum Lachen. Bis zu dem Augenblick, als ‘Er’ zurück kam

Erdbeben in den Abruzzen – Onkel Terry war zurück

Auf einmal riss mich etwas von den Füßen. Dann verstand ich. ‘Onkel Terry’ war wieder da. “Alle Mann raus hier, ERDBEBEN!” Ein tiefes Grollen erhob sich. Alles erbebte, die Türen, die Fenster, Tische und Stühle, ich selbst aber am allermeisten. “Wo sollen wir nur hin?!”. Eine Wand aus Schnee vor uns. “Hier entlang!”. Noch eine weiße Wand. Gefangen wie gejagte Tiere. Stille. Und überall nichts als Schnee.

schnee12Alles was zurückblieb war Schnee. Der Schnee, der eine eigenartige, magische Ruhe über die Welt zu verbringen mag. Das passiert auf eine Art und Weise, als hätte man sich den ganzen Alptraum nur eingebildet. War es nur in unseren Köpfen gewesen? “Ich werde einen Weg nach draußen graben” sagte mein Vater. “Ihr bleibt hier”, befahl er mir und meiner Mutter. Er stöhnte leise auf. Dann geschah es erneut, alles bebte. Genauso wie zuvor. Wir hielten uns an einem Pfahl im Hof fest. Währenddessen fielen vom Dach dicke Schneebrocken. Das alles wiederholte sich vier Mal. Viermal hintereinander mussten wir feststellen, dass wir komplett hilflos waren. Vier mal erwarteten wir unser Schicksal. Viermal verschmolz das Beben mit dem Zittern unserer Glieder. Dann Stille. Und Schnee…

Ende Teil 1 des Casale Tagebuchs. Autorin Anna Marino ist die Tochter unseres Gastgebers Josef von Casale Baronetto in den Abruzzen. Teil 2 folgt.

Hier hatte amavido-Mitgründerin Lucia bereits über die Folgen des Erdbebens für kleine, italienische Ortschaften geschrieben.

 

 

 

 

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